Stillen bei Neurodermitis: Eliminationsdiät, widersprüchliche Ratschläge und eine Bauchentscheidung
Im Leitartikel zur Ernährung habe ich den Sturm der Empfehlungen beschrieben, in dem ich während der Stillzeit stand – das schlechte Gewissen beim Stillen, das schlechte Gewissen beim Gedanken ans Abstillen. In diesem Artikel möchte ich tiefer hineingehen. Wie meine Eliminationsdiät aussah, wie die Gespräche wirklich liefen, die mir zum Abstillen und zum Weiterstillen rieten, und was ich heute darüber denke. Eines vorweg: Dies ist der persönlichste Artikel dieses Themenbereichs, und das ist Absicht. Zum Stillen mit Neurodermitis gibt es keine Tipps-Liste, die ich guten Gewissens aufschreiben könnte – dafür ist es zu individuell. Was ich geben kann, ist ein ehrlicher Einblick, wie sich diese Zeit für uns angefühlt hat und wie wir zu unserer Entscheidung gefunden haben. Jede stillende Mutter mit einem Neurodermitis-Baby erlebt ihre eigene Version dieser Geschichte.
Stillen bei Neurodermitis ist keine Frage, auf die es eine Anleitung gibt – deshalb ist dies auch kein Ratgeber, sondern unsere Geschichte. Ich habe Ei, Milch und weitgehend Zucker aus meiner eigenen Ernährung gestrichen, habe von ärztlicher Seite den Rat zum sofortigen Abstillen gehört und von naturheilkundlicher Seite das genaue Gegenteil. Am Ende habe ich weitergestillt, weil es sich für uns richtig anfühlte. Wer vor derselben Entscheidung steht, findet hier keine Antwort, die für alle gilt – aber vielleicht die Erlaubnis, der eigenen zu vertrauen.
Wie meine Eliminationsdiät konkret aussah
Die Idee dahinter habe ich im Leitartikel erzählt. Was ich aß, kam über die Milch bei Levi an – und mein Mann Martin hatte Jahre zuvor mit seiner eigenen Neurodermitis erlebt, wie gut ihm eine konsequente Ernährungsumstellung tat. Also ließ ich Ei und Milchprodukte weg und versuchte, Zucker größtenteils zu streichen.
Große Substituierungen habe ich dabei nicht vorgenommen. Es gab bei mir keinen Ei-Ersatz und keinen Joghurt-Ersatz, die Dinge fielen einfach weg. Woran ich bewusst festgehalten habe, war Fleisch – wegen der Proteine und des Eisens, das war mir in der Stillzeit wichtig. Und ich trank morgens weiterhin meinen Nährstoffdrink – damals LaVita, inzwischen gibt es mit dem Vital Micronährstoffkonzentrat auch eine günstigere Alternative. Er war keine Reaktion auf das Weglassen, sondern eher meine grundsätzliche Absicherung, dass trotz allem alle wichtigen Vitamine und Spurenelemente ankommen, denn genommen hatte ich ihn phasenweise schon vor der Diät.
Ehrlich gesagt habe ich meine eigene Versorgung in dieser Zeit nicht ärztlich begleiten lassen. Ich war damit weder beim Arzt noch habe ich mit einer Hebamme darüber gesprochen – ich habe es nach meinem eigenen Gefühl gemacht. Ich erzähle das nicht als Empfehlung, sondern weil es zur ehrlichen Geschichte gehört.
Warum es an mir zehrte – und wie ich lockerer wurde
Levi hat sehr intensiv gestillt. Zugefüttert haben wir nie – den Verdacht, dass mit Milcheiweiß etwas nicht stimmte, hatten wir früh, und die hydrolysierte Spezialnahrung, die später einmal im Raum stand, wollte er schlicht nicht. Ich hatte viel Milch, das Stillen war über lange Zeit seine Hauptnahrungsquelle. Und genau deshalb zehrte das Weglassen irgendwann an mir. Der Körper braucht in dieser Zeit Energie, und wer stillt, weiß, wie viel er täglich leistet.
Nach etwa drei Monaten strenger Phase durfte ich lockerer werden, und das ergab sich fast von selbst. Levi aß immer mehr Beikost, das Stillen war nicht mehr seine ganze Ernährung und wurde auch seltener. Da habe ich hin und wieder etwas Joghurt oder ein Stück Käse gegessen. Ei und Milch habe ich trotzdem bis zum Ende der Stillzeit größtenteils weggelassen – beim Zucker war ich, das gebe ich zu, nicht ganz so konsequent.
Was ich über die Milch beobachten konnte: die Tomate
Eine Beobachtung aus dieser Zeit hat sich bis heute gehalten. Wenn ich Tomaten aß – als intensive Tomatensoße oder auch einfach so –, sah ich bei Levi einen Zusammenhang. Die Reaktion kam relativ zeitnah, nach meinem Eindruck innerhalb weniger Stunden oder bis zum nächsten Tag. Ich möchte betonen, dass das meine Beobachtung ist, kein Testergebnis. Aber sie war für mich deutlich genug, dass ich Tomaten wegließ.
Interessanterweise lasse ich sie bis heute weg – inzwischen auch meinetwegen. Als ich sie nach langer Zeit wieder probierte, bekamen sie mir selbst nicht mehr gut, was ich früher nie so wahrgenommen hatte. Vielleicht ist da nach der langen Pause eine Empfindlichkeit bei mir entstanden; auch das ist nur meine Vermutung.
Die Abstill-Gespräche: zwei Extreme, und ich dazwischen
Und dann waren da die Ratschläge. Der eine kam nicht einmal direkt zu mir. Martin hatte sich mit seinem Hausarzt über Levi unterhalten, und dessen Empfehlung lautete, so wie sie bei mir ankam, sofort abzustillen. Genau so, sofort. Was mich daran bis heute beschäftigt, ist nicht die Empfehlung selbst, sondern wie sie zustande kam. Da sprach niemand, der die komplexe Bedeutung des Stillens im Blick hatte, sondern jemand, der einen einzelnen Effekt auf die Haut betrachtete – Punkt. Neurodermitis ist aus meiner Sicht, und so sagen es auch viele, eine Erkrankung, bei der das Immunsystem eine große Rolle spielt. Ob ein abruptes Ende des Stillens in dieser Situation nicht auch etwas kostet, kam in diesem Gespräch offenbar gar nicht vor. Und dieser Arzt kannte unsere Situation nicht – keine Anamnese, kein Bild von Levi, nichts.
Die naturheilkundliche Seite, die uns begleitete, sagte das komplette Gegenteil. Sie ermutigte mich immer wieder zum Weiterstillen, weil die Muttermilch aus ihrer Sicht gerade in Levis Immunsituation das Beste sei – die abgestimmteste Ernährung, die ein Kind bekommen kann. Sie kannte unsere Situation von vorne bis hinten, das muss ich fairerweise dazusagen, und allein deshalb hatte ihr Rat für mich mehr Gewicht. Aber auch hier fehlte etwas. Dass das Stillen für mich anstrengend war, dass es auch ein Stressor sein konnte – das kam in dieser Ermutigung nicht vor.
Ich habe mich, ehrlich gesagt, von beiden Seiten nicht ganz verstanden gefühlt. Und ich glaube inzwischen, dass das kein Zufall war. Das Stillen an sich ist schon individuell, dann kommt die Neurodermitis dazu, die Ernährung des Kindes, die Frage, was wie auf die Haut wirkt. Das ist zu komplex, als dass sich jemand von außen hinstellen und einseitig bestimmen könnte, was gut ist. Dafür braucht es aus meiner Sicht eine echte Anamnese – und selbst dann bleibt es eine Entscheidung, die niemand abnehmen kann.
Was mir am Ende geholfen hat, habe ich im Leitartikel schon geschrieben: der Gedanke, dass nur ich das entscheiden muss. Ich habe auf mein Gefühl vertraut und weitergestillt.
Stillen war längst mehr als Ernährung
Denn eines wurde mir mit der Zeit immer klarer. Das Stillen hatte für Levi längst eine Bedeutung, die mit Nahrung nur noch wenig zu tun hatte. Es war sein Rettungsanker zur Beruhigung – gerade nachts, gerade mit der Neurodermitis. Stress war bei ihm schon immer genauso ein Trigger wie das Essen, und das Stillen hat ihn reguliert und ihm in so mancher schwierigen Situation geholfen, zur Ruhe zu kommen. Deshalb habe ich ihn auch noch sehr lange nachts gestillt, als es um Ernährung längst nicht mehr ging. Wer über das Abstillen bei Neurodermitis nachdenkt, sollte diese Seite mitdenken – sie stand in keiner der Empfehlungen, die wir bekommen haben, und war für uns am Ende vielleicht die wichtigste.
Rückblick: Würde ich es wieder so machen?
Ja. Ich glaube, es war die richtige Entscheidung, und ich bin froh, dass wir das Weglassen aus unserem Gefühl heraus relativ schnell angegangen sind. Denn später zeigte der Allergietest, dass Levi tatsächlich gegen Ei und Kuhmilcheiweiß allergisch war – das, was ich monatelang weggelassen hatte, stand am Ende schwarz auf weiß im Befund.
Ich denke dabei an die Zeit zurück, in der ich diese Lebensmittel noch aß. Levis Haut war damals furchtbar, gerade im Gesicht – sie sah aus wie verbrannt, und es gab Menschen, die uns tatsächlich fragten, ob das eine Verbrennung sei. Nach dem Weglassen wurde es nicht schlagartig besser, das wäre die falsche Erzählung. Aber es ging tendenziell bergauf. Ich glaube nicht, dass es der einzige Faktor war – das Weglassen war ein Standbein, kein Allheilmittel. Aber ich glaube, für Levi war es ein wichtiges.
Am liebsten würde ich jeder Familie ans Herz legen, es zumindest in Erwägung zu ziehen. Aber ich weiß, wie viel das im Stillen verlangt. Der Körper braucht gerade in den ersten Monaten viel Energie, und auf Proteinquellen zu verzichten ist schwer – körperlich und psychisch. Ob man das schafft und ob es der richtige Weg ist, muss jede Mutter für sich entscheiden, am besten nicht allein. Deswegen gibt es von mir keine Empfehlung, nur unsere Geschichte. Es gibt nicht den einen Weg.
Wer schreibt hier?
Ich bin Carmen. Die Stillzeit mit Levis Neurodermitis – samt Eliminationsdiät und den Ratschlägen von allen Seiten – habe ich selbst durchlebt; dieser Artikel ist unsere Geschichte, keine Anleitung.
Wolkenhülle ist entstanden, weil wir uns am Anfang genau so einen Ort gewünscht hätten: verständlich, ehrlich und nah am Familienalltag.
→ Mehr über uns und unsere GeschichteWichtiger Hinweis
Dieser Artikel beschreibt meine persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen als stillende Mutter. Er ersetzt keine medizinische Beratung. Eine Eliminationsdiät in der Stillzeit betrifft die Versorgung von Mutter und Kind – bitte besprecht ein solches Vorhaben mit eurer Ärztin, eurem Arzt, einer Hebamme oder Stillberatung. Auch die Entscheidung über das Abstillen gehört in ein Gespräch mit Menschen, die eure konkrete Situation kennen.
Häufige Fragen zum Stillen bei Neurodermitis
Muss ich beim Stillen auf Ei und Milch verzichten, wenn mein Baby Neurodermitis hat?
Pauschal lässt sich das nicht sagen. Bei uns hat sich das Weglassen rückblickend als richtig erwiesen, weil später Allergien bestätigt wurden – bei anderen Kindern spielen ganz andere Faktoren die Hauptrolle. Eine Eliminationsdiät in der Stillzeit sollte am besten ärztlich oder durch eine Stillberatung begleitet werden.
Woran erkenne ich, dass mein Baby über die Muttermilch auf ein Lebensmittel reagiert?
Bei uns half die Beobachtung wiederkehrender, zeitnaher Muster – bei der Tomate zeigte sich die Reaktion nach meinem Eindruck innerhalb von Stunden bis zum nächsten Tag. Solche Beobachtungen sind kein Testergebnis, aber sie sind eine gute Grundlage für das Gespräch mit dem Kinderarzt.
Sollte ich wegen der Neurodermitis abstillen?
Wir haben beide Empfehlungen gehört – sofort abstillen und unbedingt weiterstillen, jeweils mit Überzeugung vorgetragen. Für uns war weiterstillen richtig, auch weil das Stillen Levi weit über die Ernährung hinaus reguliert und beruhigt hat. Diese Entscheidung ist so individuell, dass sie niemand von außen treffen kann; vertraut auf euer Gefühl und holt euch Begleitung, die eure Situation wirklich kennt.
